Medizinische Aspekte des Tragens im Tuch

  

Hier findest Du wertvolle Informationen zu folgenden Themen:

Verhaltensbiologie und Stammesgeschichte

 

Die Verhaltensbiologie unterscheidet bei Jungtieren 3 vollkommen verschiedene Verhaltenstypen:

  • Nesthocker
  • Nestflüchter
  • Traglinge.

Nesthocker

 



Nesthocker können sich alleine nicht fort- bewegen, werden blind und taub geboren und brauchen Hilfe, ihre Körpertemperatur zu halten und zu regulieren. Ihre Nahrung ist lange sättigend, damit ihre Mutter sie im Nest/Bau zurücklassen kann, um mehr Nahrung zu beschaffen. Würden die Jungen im Versteck Lärm machen, wäre es für Räuber schnell zu finden. Die Sicherheit der Jungen ist ihre Stille, während das Muttertier nicht da ist.

 

Nestflüchter

 

Nestflüchter sind unmittelbar nach der Geburt in der Lage, ihrer Mutter aus eigener Kraft zu folgen und ihren Schutz zu suchen. Die Schnelligkeit der Jungen ist ihr bester Schutz vor Räubern.

 

Traglinge

 

Traglinge wie Affen und Koalas können sich im Fell der Mutter festhalten und sind so vor Angreifern sicher. Die Jungen sind immer in der Nähe der Mutter für den Fall, dass sie Hilfe brauchen. Werden sie zurück gelassen, schreien sie, um auf sich aufmerksam zu machen. Alleine sind sie Gefahren schutzlos ausgeliefert.

 

Stammesgeschichte des Menschen

 

Entwicklungsgeschichtlich gehören Menschenbabys zu den Traglingen. Vor ca. 10.000 Jahren wurden unsere Vorfahren, die bis dahin Nomaden waren, sesshaft. Wahrend der Evolution hat das Menschenbaby die Fähigkeit verloren, sich selber festzuhalten. Es muss stattdessen gestützt oder gehalten werden. Sein Instinkt, das Alleinsein als lebensgefährliche Bedrohung zu sehen, ist ihm aber erhalten geblieben.

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Die Entwicklung der kindlichen Wirbelsäule

 

Babys werden mit einer gekrümmten Wirbelsäule (Totalkyphose) in Frorm eines ‘C’s geboren, die durch die Enge im Uterus bedingt wurde. Nach der Geburt beginnt die langsame Aufrichtung gegen die Schwerkraft. Die Streckung fängt am Kopf an, läuft über die Brust und Lendenwirbelsäule und endet mit der Hüftstreckung.

 

Entwicklung der kindlichen Wirbelsäule

©Nicole Rudolf, www.stillen-und-tragen.de

Mit der Kontrolle des Kopfes aus der Bauchlage heraus ca. ab der 6. Woche entwickelt sich die Streckung der Halswirbelsäule (Halslordose) und endet mit ca. 4–5 Monaten, wenn das Baby aus der Rückenlage den Kopf heben kann.

 

Praxistipp für das Tragen: Solange das Kind seinen Kopf noch nicht sicher selber halten kann oder wenn es schläft, das Baby in der Wiege oder Kreuzwiege tragen, oder in den aufrechten Positionen (Wickel- kreuztrage, Doppelkreuztrage, Känguru-Hüfttrage, Känguru vorne, Känguru-Rucksacktrage) das Tuch einfach weit genug hochziehen, um damit den Kopf zu stützen.

 

Mit ca. 8 Monaten, wenn das Baby alleine sitzen kann, ist die Streckung der Brust- wirbelsäule erfolgt.

 

Praxistipp für das Tragen: Ältere, wache Babys wollen vielleicht ihre Arme frei bewegen. Beim Tragen braucht das Tuch deshalb nur bis zu den Schultern hochgezogen werden.

 

Die Doppel-S-Form der Wirbelsäule mit physiologischer Lendenlordose ist mit ca. 14 Monaten ausgebildet, wenn das Kind frei laufen kann. Damit ist auch die Streckung der Hüfte und somit die Aufrichtung gegen die Schwerkraft erfolgt.

 

Praxistipp für das Tragen: Kinder die selbstständig laufen können, brauchen das Tuch als Stütze nur noch über dem Po und Lendenbe- reich, solange sie wach sind.

 

Die Entwicklungschritte sind nicht zwangsläufig mit den vorgegebenen Altersangaben identisch. Da sich Kinder ganz unterschiedlich entwickeln, sind die Angaben als Richtwerte zu verstehen.

 

Die Aufrichtung gegen die Schwerkraft ist nicht nur eine Frage des Gleichgewichts sondern auch des Trainings der Knochen, Muskeln und Bänder. Erst wenn die Rückenuskulatur und Wirbelsäule kräftig genug sind, wird sich ein Baby von alleine hinsetzen können. Weil es sehr schwierig ist, ein kleines Baby längere Zeit auf dem Arm zutragen und gleichzeitig den Kopf und Rücken ausreichend zu stützen, ist es für seine und unsere Haltung besser, es in einer Tragehilfe zu tragen.

 

Erst wenn die Hüft und Fussmuskeln stark genug sind, kann das Baby mit den ersten Aufstehversuchen beginnen. Entwicklungs- schritte vorweg zu nehmen, kann die Entwick- lung verzögern oder Haltungsschäden provo- zieren. Daher rate ich von allen Sitz-, Hüpf- und Gehhilfen ab, die Babys in einer Position halten, die das Kind selber noch nicht erreicht hat.

 

Ein richtig gebundenes Tragetuch ist besser für Dein Kind geeignet als jede andere Tragehilfe. Nimm Dir die Zeit um die Erklärungen zu verstehen. Falls Zweifel bleiben, nimm Kontakt mit mir auf oder komm zu einer Trageberatung. Es ist nicht so kom- pliziert, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Tragen ist eine tolle Erfahrung, die Dich und Dein Kind noch näher zusammenbringt!

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Die Entwicklung der kindlichen Hüfte

 

Das Hüftgelenk besteht aus dem Oberschenkelknochen (Femur), der mit seinem Kopf (Caput) in der Gelenkspfanne (Acetabulum) des Beckens sitzt.

 

Das Becken verbindet die Wirbelsäule mit den Beinen. Der Beckengürtel besteht aus dem linken und rechten Hüftbein und dem Kreuzbein. Er gleicht einem geschlossenen, knöchernen Ring. Das Kreuzbein ist der untere Teil der Wirbelsäule und bildet gleich- zeitig den rückwärtig gelegenen Anteil des knöchernen Beckenringes.

 

Die einzelnen Hüftbeine bestehen jeweils aus 3 miteinander verwachsenen Knochen (Schambein, Darmbein und Sitzbein), die gleichzeitig auch alle an der Bildung der Hüftgelenkspfanne beteiligt sind. In der Hüftgelenkspfanne stoßen sie in Form eines ‘Y’s aneinander.

 

Alle Knochen, auch das kindliche Becken, sind erst als Knorpel vorgebildet. Die Ver- knöcherung beginnt innerhalb des Knorpels in den Knochenkernen und setzt sich von dort nach außen fort. Bis das Knorpelwachstum des Beckens abgeschlossen ist, blei- ben die Knorpel jedoch durch die y-förmige Wachstumsfuge in der Gelenkpfanne getrennt.

 

Die Verknöcherung des Knorpelgewebes ist bei Geburt noch lange nicht abgeschlos- sen, sondern beginnt erst in den ersten Lebensmonaten und endet im 14. – 18. Lebensjahr. Durch den Druck des Oberschenkelkopfes in die Gelenkspfanne wird diese überhaupt erst zur korrekten Ausbildung stimuliert.

 

Hier erklärt es sich nun, warum ein Säugling die Beine in einer angehockten und leicht abgespreizten Haltung hält. Besonders gut zu beobachten wenn er auf dem Bauch liegt oder hochgenommen wird. Dabei drücken nämlich die Oberschenkelköpfe in die Pfannenzentren und nicht gegen die hinteren und oberen Abschnitte der noch knorpe- ligen und weichen Pfannenwände. Die Bänder, die sich zwischen Oberschenkelkopf und Pfannenwand befinden, werden entspannt. In dieser Stellung werden am Ober- schenkelkopf und der Hüftpfanne alle Bereiche gleichmäßig belastet, was für die Entwicklung der Knochenkerne notwendig ist, damit sich die Kugelform des Ober- schenkelkopfes und die Hohlkugelform der Hüftpfanne normal ausbilden können.

 

 

Die Anhockspreizhaltung der Beine

 

Um die Hüftreifung optimal zu unterstützen, nimmt das Baby von Natur aus eine ideale Position ein, den sogenannten Reitsitz (auch Anhock-Spreizhaltung oder Froschhalte- position genannt). Dabei sind die Beine des Kindes in den Hüftgelenken um ca. 100° gebeugt und um etwa 45° abgespreizt.

 

Der runde Rücken und die Anhock-Spreiz- haltung bedingen einander. Das bedeutet, dass der Rücken des Kindes nur dann richtig rund werden kann, wenn die Beinchen entsprechend angehockt sind und sich wiederum die Beinchen des Kindes nur in der richtigen Position an- hocken lassen, wenn sein Rücken rund werden kann.

 

Außerdem ermöglicht die Anhock-Spreizhaltung seiner Beinchen es dem Säugling, auf der Hüfte seiner Mutter Platz zu nehmen, wo er der stammesgeschichtlichen Entwick- lung nach als Tragling auch in den ersten Lebensmonaten hingehört.

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Hüftdysplasie

 

Bei den Vorsorgeuntersuchungen prüft der Kinderarzt die Hüften des Kindes auf eine mögliche Hüftdysplasie hin. Bei einem gesunden Hüftgelenk sind Hüftgelenkspfanne und Hüftgelenkskopf in Größe und Form aufeinander abgestimmt. Bei der Hüftdyspla- sie ist die Hüftgelenkspfanne nicht richtig entwickelt, so dass der Hüftkopf keinen idealen Halt findet. Der Hüftkopf kann aus der Hüftgelenkspfanne herausgleiten (Hüft- luxation), es kommt zu Bewegungseinschränkungen, Minderbelastbarkeit, Fehlbelast- ungen, frühzeitigem Verschleiß und Gehbehinderung.

 

Bei frühzeitiger Diagnostik lassen sich Spätfolgen vermeiden bzw. deutlich reduzieren. Je jünger das Kind bei der Diagnosestellung ist, desto geringer ist der therapeutische Aufwand, und je früher die Therapie beginnt, desto besser ist die Prognose.

 

Anfangs verursacht eine Hüftdisplasie dem Kind keine Schmerzen oder Beschwerden.

 

Erste Hinweise können sein:

  • Die Beinchen lassen sich nur erschwert abspreizen
  • Im Seitenvergleich (links – rechts) ungleichmäßige Hautfalten am Oberschenkel und Po
  • Im Seitenvergleich erscheint ein Bein kürzer als das andere
  • Humpeln oder Hinken beim Gehen

Hüftdyspasie kann auch beidseits auftreten. Dann sind die Symptome im Seitenver- gleich weniger deutlich oder gar nicht feststellbar.

 

Dies ist als zusätzliche Information für Eltern gedacht, weil bei vielen Arztterminen leider keine Zeit mehr für Erklärungen bleibt. Falls Du einen Verdacht hast, spreche Deinen Kinderarzt bei den Vorsorgeuntersuchungen an.

 

Hüftdysplasie ist eine der häufig auftretenden Fehlentwicklungen (fast 4% aller Ge- burten in Deutschland). Mädchen sind häufiger betroffen als Jungen. Bei Mehrlings- schwangerschaften, Beckenendlagen und zusammen mit anderen Fehlbildungen tritt sie gehäuft auf.

 

 

Therapie der Hüftdysplasie

 

Die Therapie der Hüftdysplasie ist abhängig von ihrem Schweregrad und dem Alter des Kindes bei Therapiebeginn.

 

Therapieformen:

  • Breites Wickeln durch Einsatz von waschbaren Windeln oder mehrere Wegwerfwindeln übereinander
  • Die Spreizhose ist eine Trägerhose, die über der Windelhose getragen wird und die Beine im Hüftgelenk beugt, nach außen dreht und abspreizt, Strampelbewegungen jedoch weiter zulässt.
  • Tragen im Tragetuch mit besonderem Augenmerk auf die korrekte Froschhaltung der Beine
  • Bandagen, Schienen, Gips oder eine operative Korrektur sind meist nur in fortgeschrittenen Stadien erforderlich.
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